Insolvenz von Volkssolidarität-Fonds bringt Senioren an den Rand des Ruins

1500 Anleger in Mecklenburg betroffen – Treffen in Rostock

Güstrow/Schwerin (ddp.djn). Wenn sie die dicken Hefter mit Dokumenten, Anwaltsschreiben und Zeitungsausschnitten durchblättert, kann die 89-jährige Seniorin kaum die Tränen zurückhalten. Insgesamt 26 000 Euro haben Helene und ihr 95 Jahre alter Ehemann Karl Mayer (Namen geändert) aus Güstrow in zwei Fonds und eine Stiftung investiert, die mit dem Namen Volkssolidarität scheinbar für Sicherheit bürgten. Die beiden Fonds haben Insolvenz angemeldet, in den kommenden Tagen gibt es eine erste Gläubigerversammlung. Die Stiftung, Betreiber des Güstrower Seniorenhotels, ist ebenfalls in einer bedrohlichen Schieflage. «Das waren unsere ganzen Ersparnisse. Ich kann gar nicht mehr schlafen», sagt Helene leise und ordnet fahrig die Zeitungsausschnitte.

Insgesamt 1500 vornehmlich ältere Leute sind allein von der Insolvenz der Fondsgesellschaften betroffen, deren Gesellschafter die Kreisverbände Mecklenburg-Mitte und Rostock-Land/Bad Doberan waren. Annähernd sieben Millionen Euro haben sie eingezahlt, das Geld wurde jedoch statt wie versprochen in Seniorenheime wohl auch in andere Immobilienprojekte gesteckt. Gegen den Geschäftsführer, der auch das Seniorenhotel leitete, ermittelt der Staatsanwalt.

Im Nachhinein kann sich Helene nicht mehr erklären, warum gerade sie so viel Geld investiert hat. «Ich habe 25 Jahre lang bei der Sparkasse in Güstrow gearbeitet, spekuliert mit unserem Geld habe ich nie, dafür hatten wir auch zu wenig.» Dann aber bekamen sie Angst davor, dass sie im Alter immer weniger mit ihrer Rente auskommen könnten.

Die versprochenen fünf Prozent Zinsen überzeugten auch die Schwerinerin Waltraut Schmidt, obgleich ihr Mann Klaus skeptisch war zu investieren. «Ich habe 2000 Euro eingezahlt, im ersten Jahr kamen auch die 100 Euro Zinsen, aber ein Jahr später gleich ein Brief, ich solle zurückzahlen», erinnert sich die 74-Jährige voller Bitterkeit. «Das Blaue vom Himmel hat man uns versprochen. Das war schon sehr viel Geld für uns.» Überzeugt habe sie die Fürsprache der Volkssolidarität, die Veranstaltungen dort seien immer sehr schön, «man kennt sich ja».

Helene erinnert sich noch genau, wie ihr der Vermittler versprach: «Wenn sie in diese Fonds einzahlen, kommen sie schneller ins betreute Wohnen». Die Zeit wäre wohl bald gekommen. Noch wohnt das seit 66 Jahren verheiratete Güstrower Paar im eigenen Haus, vor einigen Jahren bekam Karl jedoch einen Schlaganfall. Mittlerweile kann er sich nur noch mit Hilfe seiner Frau bewegen, zudem kann er kaum hören. Für neue Hörgeräte reicht jedoch das Geld nicht. Das Ehepaar wollte in ein Seniorenhotel ziehen, «dafür haben wir gespart und auch die Zinsen nie angefasst», sagt die ehemalige Bankerin.

Von der Pleite der Fonds haben die Senioren aus der Zeitung erfahren, jetzt kursieren Gerüchte über die Zahlungsunfähigkeit der Stiftung mit weiteren geprellten Anlegern. Damals hätten die Vermittler bei ihnen zu Hause auf der Couch gesessen und das Geld angenommen, sagt Helene. «Jetzt erreiche ich keinen von ihnen. Tagelang habe ich es versucht, auch auf einer Handynummer. Da war immer nur so eine englische Ansage drauf.»

«Sehr schäbig» finden sie das alles und können auch überhaupt nicht verstehen, dass bei der Volkssolidarität angelegtes Geld einfach so verschwinden kann. «Warum heißt es denn Volkssolidarität? Das ist doch eine bundesweite Gesellschaft, warum springt da nicht ein anderer Ortsverein ein?», fragt Helene und schüttelt den Kopf.

Diese Möglichkeit, die Volkssolidarität in die Pflicht zu nehmen, sieht auch Axel Drückler von der Neuen Verbraucherzentrale Schwerin. Der Fachberater für Finanzdienstleistungen wird viele Anleger zur Gläubigerversammlung in Rostock vertreten. Es sei komplett unglaubwürdig, dass der Landesverband von den finanziellen Schwierigkeiten der beiden Gesellschaften nichts gewusst haben wolle. «Die Volkssolidarität hätte untersagen müssen, dass die Gesellschaften mit ihrem Namen hausieren gehen. Jetzt müssen sie auch mit ihrem Vermögen für den Verlust einstehen», findet Drückler.

Dass ihr Geld weg ist, daran haben die beiden Paare aus Güstrow und Schwerin eigentlich kaum Zweifel. Ihre Ansprüche hätten sie doch angemeldet, aus Scham hätten das einige ihrer Bekannten zum Beispiel nicht getan, wie Waltraut Schmidt sagt. Auch die Güstrowerin Helene Mayer will, «dass die Verantwortlichen doll bestraft werden». Sie hätten sich keine Gedanken darüber gemacht, hinterlistig alte Leute zu schädigen.

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