Tapeten für die Wohnung: Es muss nicht immer Raufaser sein

Es muss nicht immer Raufaser sein

Glatt verputzte Wände sehen oft sehr nüchtern aus – aber es muss nicht immer Rauhfaser sein

In fast jeder Wohnung findet man sie zumindest an einigen Wänden oder Decken – die Raufaser. „Das ist eine Kostenfrage – aber nicht nur. Die Raufaser ist auch sehr anwenderfreundlich“, lobt Heinrich Bartholemy vom Bundesinnungsverband Farbe Gestaltung Bautenschutz in Frankfurt den Allrounder.

Im Gegensatz zu Mustertapeten müsse Raufaser nicht mustergerecht zugeschnitten und exakt auf Muster verklebt werden, was dem Laien das Tapezieren deutlich erleichtere. Außerdem habe die Raufaser technische Vorteile, Haarrisse beispielsweise könnten dank der Mehrlagigkeit dauerhaft überdeckt werden. „Aber der Einsatz von Raufaser hat auch gestalterische Gründe: Selbst Menschen, die sonst Tapeten haben, nutzen sie oft für die Deckenflächen, um dort ein gleichmäßiges Oberflächenprofil zu erhalten. Glatt verputzte Deckenflächen sehen oft sehr nüchtern aus.“ Außerdem blieben meist noch Verarbeitungsspuren sichtbar.

Raufaser Ade? Mustertapeten sind wieder im Vormarsch

Dennoch: So mancher hat sich sattgesehen am puristischen Weiß, Mustertapeten sind wieder im Vormarsch. „Vor allem sehr große Muster sind stark im Kommen“, berichtet der Leiter der Technischen Informationsstelle des Innungsverbandes. „Das ist allerdings riskant. Die sehen auf großen Flächen toll aus, aber im oft kleinen Wohnzimmer überzeugt der Effekt meist nicht so wie auf Werbebildern zu sehen.“ Überhaupt sei es für Laien oft schwierig, sich die Tapete im Raum vorzustellen. „Dazu braucht man eine gewisse Erfahrung, da ist die Beratung vom Fachhandwerker sehr hilfreich.“ Oft helfe es auch, sich eine Rolle der Wunschtapete mit nach Hause geben zu lassen und eine ganze Bahn in Raumhöhe an die Wand zu halten, um ein besseres Gefühl zu bekommen.

Wer nicht so viel Mut zum Muster habe, der tapeziere oft nur eine Sichtwand mit einer auffälligen Tapete: „Inzwischen sieht man sogar wieder die lange fast völlig verschwundenen Fototapeten.“

Tapeten: Gewebe- und Strukturtapeten machen Wände lebendig

Wer keine Muster, aber auch keine klassische Raufaser will, wird möglicherweise bei den zahlreichen Varianten der „strukturgebenden Wandbekleidung“, wie es in der Fachsprache heißt, fündig, zum Beispiel bei den Glasseidengewebetapeten oder bei den Prägestrukturtapeten aus Vlies. Wie der Klassiker werden sie unbeschichtet tapeziert und anschließend gestrichen, so dass man neben klassischem Weiß auch jede gewünschte Farbe einsetzen kann. Durch verschiedene Lasurtechniken sind interessante Effekte möglich, allerdings müsse man schon eine gewisse Fertigkeit mitbringen, um sehenswerte Ergebnisse zu erzielen, sagt Bartholemy. „Die große Zeit der Wisch- und Spachteltechnik ist allerdings vorbei. Dieser Trend wurde so weit getrieben, dass es sogar entsprechend bedruckte Tapeten gab. Das allerdings sieht schrecklich aus – das Auge erwartet eine gleichmäßige Fläche, da stört der unvermeidliche Tapetenstoß enorm.“

Statt Tapete: Putz – traditionell und natürlich

Wer gar nicht tapezieren möchte, der kann sich auf alte Traditionen besinnen und seine Wände verputzen. „Lehmputz ist die älteste Wandverkleidung überhaupt, er wird benutzt, seit Menschen sich Behausungen bauen. Und er ist das Material, das die wenigsten ‚Nebenwirkungen‘ hat – er enthält keine Bindemittel und gast nichts aus“, sagt Stephan Bacher vom Stuckateur-Verband in Stuttgart: Eine ebenfalls natürliche Variante seien Kalkputze oder, relativ neu auf dem Markt, der sogenannte Naturputz, der frei von chemischen Zusätzen und Bindemitteln sei und durch zermahlene Naturpigmente eingefärbt verkauft wird. „Bei den anderen Putzen kann man mit allen handelsüblichen Farben streichen. Naturfarben passen dabei allerdings sicher am besten zum natürlichen Material.“

Neben positivem Einfluss aufs Raumklima – Putze seien diffusionsoffen, könnten also je nach Luftfeuchtigkeit im Raum Feuchtigkeit binden und abgeben – habe man zudem den Vorteil sehr langer Renovierungszyklen: „Von 20 bis 30 Jahren kann man locker ausgehen“, meint Bacher. Dafür müsse man allerdings auch im Gegensatz zur Raufaser mit den zwei- bis vierfachen Kosten rechnen.

In Mietwohnungen wird die günstige, geschmacksneutrale Raufaser also wohl die Wandbekleidung der Wahl bleiben. Ihr angeblich negativer Einfluss auf die Wohngesundheit sei aber eher gering, beruhigt Bartholemy: „Die Wasserdampfdurchlässigkeit von Wandbekleidungen ist in der Wohnung nicht wirklich relevant. Da gibt es so viele Materialien, die viel mehr Feuchtigkeit aufnehmen und abgeben, Teppiche und Polstermöbel zum Beispiel.“ Es stimme zwar, dass das in der Raufaser enthaltene Holz Schimmel fördern könne, aber nur bei sehr feuchten Räumen und kalten Oberflächen: „So ein Wohnklima ist mit jeder Wandbekleidung inakzeptabel.“

Zusatzinformationen zum Tapezieren:

  • Das RAL Gütezeichen Tapeten legt bezüglich Schwermetallgehalt und Emissionen Maßstäbe an, die über die Anforderungen der Norm teils deutlich hinausgehen.
  • Symbole nach der Euronorm DIN EN 235 informieren über Qualitätsmerkmale und die richtige Verarbeitung, zum Beispiel über Pflegeeigenschaften (Wasser- und Scheuerbeständigkeit), Farbbeständigkeit gegen Licht, Musteransatz, Verarbeitung (Tapete oder Wand einkleistern, vorgekleisterte Tapete), Vorgehen beim Entfernen (trocken oder feucht abziehbar).
  • Der blaue Engel informiert über einen hohen Anteil an Altpapier (in Raufaser mindestens 80 Prozent, in Papiertapeten 60 Prozent).
  • Für Kleister und Kleber existieren noch keine Gütesiegel.
  • Kleister ist als Celluloseether-Produkt unbedenklich hinsichtlich Emissionen, kann aber nicht mit allen Tapeten verwendet werden.

(Quelle: Dipl.-Ing. Heinrich Bartholemy, Leiter der Technischen Informationsstelle im Bundesverband Farbe Gestaltung Bautenschutz)

 

Erstveröffentlichung: September 2012 / Michaela Kaebe / dapd/T2012091150281/mka/K2200/esc