Kolumne: Die Subkultur im Wohnzimmer

– von Sebastian Stoll –  Wer das Wort „Graffiti“ hört, denkt dabei zumeist an bunte Bilder im öffentlichen Raum, an Mauern oder an Zügen – und je nach Standpunkt an eine urbane Kunstform oder an Schmiererei. Dabei sind viele Graffiti-Sprayer längst erwachsen geworden und haben aus ihrem mehr oder weniger legal betriebenen Hobby eine Dienstleistung gemacht: Graffiti findet heute nicht mehr nur in der Öffentlichkeit statt, sondern auch in Privatwohnungen. Wer sich ein Graffiti für seine Wohnung wünscht, kann nicht nur zwischen den unterschiedlichsten Künstlern wählen – dasselbe gilt auch für die Stilrichtungen: Vom klassischen Graffiti-Stil bis zum Jugendstil-Bild ist mit der Sprühdose alles möglich. Verschönern lassen sich Innenräume wie auch die Außenwände.

An die Wand oder auf die Leinwand?

Benny Poguntke betreibt gemeinsam mit einem Kollegen in Berlin eine Agentur, die Graffiti-Bilder anbietet. Bevor es ans Sprühen oder an die Motivwahl geht, muss er mit seinen Kunden zunächst eine andere Frage klären: Soll das Bild direkt an die Wand gesprüht werden – oder doch lieber auf eine Leinwand, die anschließend aufgehängt wird? „Ich empfehle den Leuten immer, sich für die Leinwand zu entscheiden. Wer umzieht, der kann das Bild mitnehmen. Mit einer Tapete geht das immer schlecht“, sagt Poguntke. Und so denken nach der Beratung auch seine Kunden – Poguntkes Angaben zufolge erwägt fast jeder Käufer zunächst, das Graffiti-Bild auf die Wand sprühen zu lassen; letztendlich entscheiden sich aber nur etwa zehn Prozent dafür.

Wer noch nicht weiß, welches Motiv er haben möchte, dem hilft Poguntke mit einem kleinen Katalog, der Zeichnungen nicht realisierter Projekte enthält oder Fotos vergangener Arbeiten. Die meisten Käufer hätten aber recht klare Vorstellungen, sagt er: „Wir malen vor allem die Träume, die die Leute sich sonst nicht erfüllen können.“ Bei einem Jungen, der sich ein Graffiti-Bild zum achten Geburtstag wünschte, hieß dieser Traum zum Beispiel „Spiderman“: „Wir sagen dann immer, dass wir als Künstler keine anderen Künstler kopieren – und machen mit den Leuten ein Motiv aus, das die gewünschte Figur beinhaltet, aber zugleich eine Eigeninterpretation ist.“ Im konkreten Fall sprühte Poguntke einen Kampf zwischen Superhelden in Berlin. „Zu sehen ist die Skyline der Stadt. Spiderman kämpft mit Hulk und seilt sich dabei vom Fernsehturm ab.“ So hängt die Leinwand jetzt im Kinderzimmer.

Populär sind realistische Bilder

Neben Comic-Motiven entscheidet sich ein Teil von Poguntkes Kunden auch für überdimensionierte bunte Buchstaben, die etwa den Namen des Auftraggebers ergeben können. Das ist am nächsten am klassischen Graffiti der Straße und nennt sich dort „Style Writing“: „So viele Leute, wie man vielleicht denkt, sind das aber auch nicht, vielleicht fünf Prozent“, sagt er. Bei einem großen Teil der Kundschaft seien vor allem fotorealistische Bilder gefragt, etwa die gesprühte Palmeninsel oder ein dichter Regenwald. Es ist oft die Ferne, die sich Menschen in die Stadt holen, manchmal auch ihre Vergangenheit – wie etwa bei jenem älteren Herren, der vor vielen Jahren einmal Schäfer war: „Dem haben wir eine Hügellandschaft mit Schäfer und Schafherde auf die Außenfassade gesprüht.“

Dass die Graffiti-Wünsche so unterschiedlich sind wie die Kunden, weiß auch Karl Berger vom Institut für Graffiti-Forschung in Wien: „Das reicht vom 14-jährigen Schüler bis zum Großkonzern.“ Außer mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Graffiti-Kunst beschäftigt sich die Organisation mit der Vermittlung von Graffiti-Aufträgen. „Die Leute, die einen Künstler suchen, leben in Wohnungen mit einer Größe von 15 bis 350 Quadratmetern. Entsprechend unterschiedlich sind ihre Vorstellungen.“ Relative Einigkeit herrsche jedoch bei den Kosten: „Die meisten Künstler veranschlagen einen Quadratmeterpreis von etwa 100 Euro. Manchmal sind die Wünsche etwas komplizierter, dann wird es ein wenig teurer.“ Generell bekomme man aber für 500 Euro „etwas Vernünftiges“.

Graffiti am besten im Sommer sprühen lassen

Wer sich für ein Graffiti zu Hause entscheidet, sollte sich allerdings dessen bewusst sein, dass viele angebotene Farben nicht unbedingt als gesund zu bezeichnen sind. „Wenn Sie giftige Farben verwenden, ist ein Graffiti giftig, wenn Sie ungiftige verwenden, ist es nicht giftig“, sagt Karl Berger lapidar und verweist darauf, dass man diesen Punkt mit dem Künstler absprechen müsse. Zudem sollte es draußen warm sein, wie der Berliner Sprüher Benny Poguntke erklärt: „Beim Auftragen entwickelt sich Farbnebel. Der muss sich verziehen, weshalb die Fenster unbedingt zwei bis drei Tage offen bleiben müssen.“ Falls sich etwas von dem Nebel als Staub absetze, sollte man diesen keinesfalls mit einem nassen Lappen abwischen, da dieser die Farbe anfeuchte. Ideal sei ein trockenes Staubtuch – oder aber man lasse das Bild auf Leinwand herstellen und den Nebel im Atelier aufsteigen.

dapd/ses/esc