Offen wohnen – Variable Raumteiler ermöglichen flexible Strukturen – Auch geschickt ausgewählte Möbel können ein Zimmer strukturieren

— von Michaela Kaebe — Offenes Wohnen liegt im Trend. Kaum ein Neubau, in dem nicht zumindest Wohn- und Essbereich, meist auch noch die Küche ohne Trennwände ineinander übergehen. Oft sind auch die oberen Etagen über eine Galerie zum restlichen Haus hin offen, die Trennung zwischen den einzelnen Räumen flexibel. Kein Wunder, meint Rudolf Schricker, Professor für Innenarchitektur an der Hochschule Coburg: „Früher hat man Menschen in Standardwohnungen hineingepresst. Aber der Mensch will die Möglichkeit haben, seinepersönliche ‚Duftmarke‘ in seinem Wohnraum zu setzen.“ Der Reiz amoffenen Wohnen sei, dass man sich seinen Lebensraum so gestaltenkönne, dass er zur Lebenssituation, aber auch zur aktuellen Stimmungund zum Anlass passe: „Mal will ich repräsentieren, mal muss ichkonzentriert arbeiten und mich zurückziehen – diese Dynamik lassendie wenigsten Grundrisse in Deutschland zu, auch die ‚offenen‘ nurbedingt.“ Dazu müssten bewegliche Wände auch ohne Hausmeister perKnopfdruck oder manuell zu öffnen und zu schließen sein. Zwararbeite die Bauindustrie an Lösungen – leichte Gipskartonwände,Rollläden, auch aufblasbare Elemente, die leicht wären, aber gutenSchallschutz böten – aber vieles sei noch Zukunftsmusik.

Ein offener Raum verlange von seinem Bewohner Fantasie. „Dieerste Frage, die ein Innenarchitekt seinem Kunden stellen sollte,ist: Was bist Du für ein Typ? Was brauchst Du zu welcher Tageszeit?Daran sollte sich die Einrichtung orientieren, nicht primär am Raum,diese Möglichkeit lassen die offenen Räume ja“, sagt Schricker, derin Coburg und Stuttgart als Innenarchitekt tätig ist. Hat man dieseFragen für sich geklärt, gelte es, für die verschiedenenLebensbereiche den richtigen Ort zu finden. Sinnvoll sei, den Raumdurch Diagonalen oder in Form eines Kleeblattes in Bereicheeinzuteilen. „Dazu sollte man sich überlegen, was man wo am liebstenmachen möchte, wo die ruhigen Ecken sind, wo das schönste Lichtist.“ Diese Bereiche könne man dann durch Lamellenvorhänge, halbhoheSideboards oder auch verschiedene Lichtquellen voneinanderabgrenzen.

Zwtl.: Möbel als Trennelemente

„Möbel schaffen eine optische Trennung, ohne dass das Offeneverloren geht. Denn auch die Andeutung einer Wand schafft das Gefühlvon Abgeschlossenheit, ohne komplett dicht zu machen. Man hat dasGefühl, zwei Zimmer zu haben, und trotzdem ein großzügigesRaumgefühl“, erläutert Ruth Wolf, Innenarchitektin aus München.Sideboards und Regale als Raumteiler lösten zudem ein Problem, dasdie offenen großen Räume auch mit sich bringen: wenig Wände, andenen Schränke stehen können, und damit auch wenig Stauraum. „Wennnur eine Wand im Raum vorhanden ist, sollte dort aus Gründen derRaumpsychologie nicht der Schrank, sondern unbedingt dieSitzgelegenheit stehen“, erläutert sie. Kein Platz also für dieklassische Schrankwand, sie werde durch flexible Kleinmöbel ersetzt.In den Schlafräumen, in denen man mehr Stauraum braucht, könne mandagegen mit raumhohen Schränken arbeiten, die entweder einen Teildes Raumes, zum Beispiel für ein Ankleidezimmer, abgrenzen oder einegemauerte Wand komplett ersetzen könnten. „Wenn auch im Obergeschossdie Trennwände nicht gemauert sind, kann sich das Haus optimal andie Lebenssituation der Bewohner anpassen“, empfiehlt Wolf. So könneman beispielsweise zunächst ein besonders großes Kinderzimmerrealisieren und später ein zweites Kinderzimmer oder auch ein Bürofür die inzwischen wieder berufstätige Mutter abtrennen. „Leidergibt es kaum Trennwandlösungen von Serienmöbelherstellern“, bedauertdie Innenarchitektin. Es lohne sich, einen Kostenvoranschlag voneinem Schreiner einzuholen. Oft sei diese Lösung nicht teurer alseine von der Stange, aber weit individueller.

Auch wenn kleine Kinder im Wohn- und Essbereich spielen, könntenMöbel als Raumteiler fungieren: „Durch einen Spielteppich und zweiniedrige Möbelelemente über Eck kann man einen Spielbereichabgrenzen, ohne die Kinder auszugrenzen. Und trotzdem stolpert mannicht im ganzen Raum über Bauklötze“, schlägt die Innenarchitektinvor.

Wer an kleine Räume mit fester Funktion gewöhnt sei, habegelegentlich Schwierigkeiten, das Mehr an Raum, das durch denWegfall von Türen, Fluren und anderen Verkehrsflächen entstehe, zumöblieren. Hier empfiehlt Wolf Mut zum leeren Raum: „Freie Flächensind gewollt und geben Platz zum Durchatmen. Zwischen Wohn- undEssbereich kann ein freier Raum, der durchaus so groß sein kann wieder Essbereich, sehr gut wirken.“

Zwtl.: Bei Galerielösungen müssen die Proportionen stimmen

Diesen freien Raum möchten viele Hausbauer auch über ihrenKöpfen, sie entscheiden sich für Galerielösungen. „Hier ist esextrem wichtig, dass die Proportionen zwischen Grundfläche und Raumnach oben passen, da muss genau geplant werden“, mahnt Wolf an.

Während diese Maßnahme nicht ohne weiteres revidierbar ist, seienfehlende Wände problemlos nachzubauen: „Man kann seine Erfahrungen,zum Beispiel mit einer offenen Küche, sammeln, und wenn manfeststellt, dass es doch nicht zu einem passt, zieht man haltnachträglich eine Wand ein“, macht sie Mut zum Experiment.

Idealerweise sollte diese Wand allerdings je nach „Tagesform“ daoder weg sein, sagt Innenarchitekt Schricker: „Beides hat ja seineVor- und Nachteile. Ist die Wand zu, kann man mit den Menschen inder Küche nicht kommunizieren, ist sie offen, riecht es im ganzenHaus nach Zwiebeln.“ Psychologisch sei der Mensch immer in einemSpannungsfeld zwischen Rückzug und Öffnung: „Der Idealfall ist ein Raum, der ein Maximum an Veränderungsmöglichkeiten bietet.“

dapd/mka/esc